Bartgeier-Projekt
Die Wiederansiedlung des Bartgeiers (Gypaetus barbatus) in den Alpen
Der Bartgeier - Steckbrief

Wissenschaftlicher Name: Gypaetus barbatus

Vorkommen: Europa, Asien, Nordafrika: Unterart: Gypaetus b. barbatus
Ost- und Südafrika: Unterart: Gypaetus b. meridionalis
Gewicht: 5-7 kg
Flügelspannweite: 270-285 cm
Geschlechtsreife: 5-8 Jahre
Höchstalter: 45 Jahre (im Gehege)

Aussehen

Die dunklen borstenartigen Federn, die dem Bartgeier über den Schnabel hängen waren für seinen Namen ausschlaggebend.
Junge Bartgeier haben ein dunkles bis schwarzes Federkleid, das sie etwa 5-7 Jahre tragen. Im Laufe dieser Zeit verändert sich die Federnfarbe auf weiß (Kopf/Brustbereich) und silbergrau (Flügel und Schwanz). Durch baden in eisenoxidhaltigem Schlamm färben jedoch die erwachsenen Bartgeier ihr Gefieder an Kopf, Brust und Bauch orange-rötlich bis rostrot ein. Der Zweck dieses Färbebades ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Theorien über eine mögliche Thermoregulation, Schutz vor Parasiten oder verfrühter Abnützung der Federn wurden diskutiert. In den letzten Jahren wurde die Hypothese aufgestellt, dass die rote Farbe die Funktion eines Statussignals übernimmt. Dies würde konform gehen mit der Beobachtung, dass die zumeist dominanten, etwas größeren Weibchen oftmals stärker eingefärbt sind als Männchen, und dass beide Geschlechter in der Brutzeit eine intensivere Färbung zeigen.
Wenn der Vogel aufgeregt ist, leuchtet ein auffällig roter Ring um seine Augen.

Lebensraum
Der vom Bartgeier bevorzugte Gebirgsraum bietet ein raues Klima. Im Winter entsteht hier durch Lawinenabgänge und schwierige Wetterverhältnisse ein großes Angebot an Fallwild. In Anpassung an seinen Lebensraum beginnt der Bartgeier in Europa seine Brut im Hochwinter, denn zur Zeit des höchsten Nahrungsbedarfs (während der Nestlingsphase), ist durch das Ausapern der Kadaver im Frühjahr auch das höchste Angebot vorhanden.

Lebensart
Juvenile Bartgeier legen in ihren ersten Lebensjahren meist weite Strecken zurück, am Tag bis zu 700 km. Auf ihren Wanderrouten überfliegen sie manchmal den gesamten Alpenbogen. Im Alter von etwa 4-5 Jahren beginnen Bartgeier sesshaft zu werden und gehen Paarbindungen ein.
Der Aktionsraum eines Bartgeierpaares umfasst zwischen 100 und 750 km_; dieses Gebiet sucht es in ausdauernden Gleitflügen nach Nahrung ab. Innerhalb des Aktionsraumes besitzt ein Paar ein festes Revier, das es gegen Eindringlinge verteidigt. Dort errichtet es auch seine Horste.

Fortpflanzung
Ein Bartgeierhorst befindet sich meist in kleinen Höhlen und geschützten Felsnischen in 370-4 800 m, in den Alpen meist in etwa 1 400-2 400 m Seehöhe. Er besteht aus bis zu 1m langen Ästen, Reisig, Fellresten und Schafwolle.
Nach dem Ausbau des Horstes im Herbst, legt das Bartgeierweibchen zwischen Dezember und Februar im Abstand von etwa 5 Tagen zwei Eier. Die Bebrütung, wie auch später die Aufzucht des Nestlings teilen sich Männchen und Weibchen untereinander auf.
Nach etwa 54 Tagen schlüpfen die beiden Jungen, wobei allerdings nur eines der beiden - meist das Erstgeschlüpfte - überlebt. Der zweite Nestling stirbt bereits wenige Stunden bis Tage nach seinem Schlupf entweder durch direktes aggressives Verhalten des Erstgeschlüpften, oder durch Verhungern (die Eltern füttern bevorzugt den stärkeren Nachkommen, dieser verdrängt den schwächeren vom Futter). Das zweite Ei dient wahrscheinlich nur als biologische Reserve, für den Fall, dass das erste Ei beschädigt oder unbefruchtet ist, oder das Junge die ersten Tage nicht überlebt.
Erst nach etwa 116 Tagen, in Europa meist zwischen Mitte Juni und Mitte Juli, startet das Bartgeierjunge seinen Erstflug. Für einige Wochen wird es von den Eltern noch weiter mit Futter versorgt.
Wildlebende Bartgeier brüten normalerweise erstmals im Alter von etwa 7 Jahren. Meist bleibt jedoch der erste Brutversuch eines Paares ohne Erfolg.

Nahrung
Der Bartgeier hat sich auf das Verzehren von Knochen spezialisiert. Mit seinem besonders saurem Magensaft (pH = 1) kann er Knochen vollständig verdauen. Knochen erscheinen auf den ersten Blick wenig nahrhaft zu sein, bezüglich des Energiegehalts ist die gleiche Masse an Knochen Muskelfleisch jedoch überlegen. Sogar Rinderwirbel und Knochen bis zu einer Länge von 25 cm kann der Bartgeier als Ganzes verschlucken und verdauen. Größere Knochen wirft er im Flug aus einer Höhe von 20 m bis 150 m auf felsiges Gelände (so genannte Knochenschmieden) ab, auf dem sie zersplittern. Die Bruchstücke können dann verzehrt werden.

Gefährdung
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet des Bartgeiers umfasste sämtliche Bergregionen Mittel-und Südeuropas, West- und Innerasiens sowie Nord-, Ost- und Südafrikas. In all diesen Regionen wurde sein Bestand im 19. und 20. Jahrhundert dezimiert.
In Europa waren die stärksten Rückgänge zu vermerken, hier überlebten Bartgeier bis in die Gegenwart nur in den Pyrenäen, auf Korsika und Kreta sowie vereinzelt auf dem griechischen Festland. Der Alpenbartgeier wurde ausgerottet.

Vor allem die bedingungslose Verfolgung durch den Menschen führte zu diesen drastischen Populationsrückgängen. Der Bartgeier wurde durch seinen, zu Unrecht erworbenen, Ruf als Lämmer- und Kinderräuber verachtet und verfolgt. Dieses Image erhielt er wahrscheinlich durch sein lediglich neugieriges Verhalten gegenüber Wanderern wie auch Wild- und Hauswiederkäuern. Auch das Herumtragen von aufgefundenen Fellresten, zum Verzehr bzw. zum Auspolstern des Horstes bestimmt, dürfte für einige als Beweis seiner Jagdtätigkeit gedient haben. Die Gerüchte und Legenden über die "Bestie" wurden über Generationen überliefert und führten durch Abschuss, Fallenfang, Vergiftung und Aushorstung zum Aussterben des Alpenbartgeiers. Zusätzlich erschwerend für das Überleben der Bartgeier in den Alpen wirkte sich der Rückgang der wilden Huftiere wie Gämse oder Steinbock, und der Rind- und Schafhaltung, sowie die aufgestellten strengen Richtlinien zu deren Kadaverbeseitigung aus.

Die wahrscheinlich letzte Sichtung eines Alpenbartgeiers gelang um 1930 in den Westalpen. Hier endete die Reproduktion um 1910, wohingegen im östlichen Verbreitungsgebiet Bruten bereits nach 1880 nicht mehr beobachtet werden konnten.
Zwischen 1950 und 1980 wurden in den Alpen vereinzelt Bartgeier gesehen. Bei diesen Beobachtungen handelte es sich wahrscheinlich einerseits um einen adulten Bartgeier, der bei den Vorbereitungen zu einem früheren Freilassungsprojekt entkam; andererseits aber auch um Wildvögel aus den noch bestehenden europäischen Populationen (ev. Korsika, Pyrenäen, Balkan, Türkei).

Auch die überlebenden Bartgeierpopulationen in Europa (mit insgesamt etwa 120 Brutpaaren) können nicht als stabil angesehen werden. Selbst die mit etwa 105 Brutpaaren größte Population in den Pyrenäen ist stark gefährdet. Als Gefahrenpotential treten hier, neben Abschuss und Kollision mit Stromkabeln, vor allem Vergiftungsfälle auf.
Auf Korsika, Kreta und dem südlichen Balkan konnten sich nur einige wenige Individuen halten.

In Europa ist der Bartgeier daher vom Aussterben bedroht.


Bereits 1922 versuchte der Schweizer Carl Stemmler, den Bartgeier in den Alpen wieder anzusiedeln, scheiterte aber am damaligen Unverständnis seiner Mitmenschen.
Im Jahre 1973 begann im Innsbruck die berühmte Bartgeierzucht des Innsbrucker Alpenzoo.
1978 wurde ein internationales Wiedereinbürgerungsprojekt auf der Basis in Gehegen nachgezüchteter Bartgeier eingeleitet. Die Planung, Organisation und Durchführung des Projektes sowie die Koordination der Bartgeierzucht übernahm die Station Haringsee zusammen mit der Veterinärmedizinischen Universität Wien.
Die finanzielle Hauptlast dieses Projektes tragen die Zoologische Gesellschaft Frankfut, das Institut für Parasitologie und Zoologie der Veterinärmedizinischen Universität Wien, das BM für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, sowie der WWF Österreich.
Fast zehn Jahre wurden benötigt, um einen Zuchtstock aus Gehegetieren aufzubauen, eine Maßnahme, die nur durch die Kooperationsbereitschaft aller europäischen Tiergärten mit Bartgeierhaltung möglich war. In das Zuchtprogramm des Bartgeiers sind die Richard Faust-Bartgeier-Zuchtzentrum Haringsee sowie ca. 40 Tiergärten in aller Welt integriert.
Bisher konnten im Rahmen der Zuchtbemühunen 280 Jungvögel erfolgreich großgezogen werden, mehr als die Hälfte davon im Zuchtzentrum Haringsee.
1986 wurden die ersten nachgezüchteten Bartgeier im Nationalpark Hohe Tauern freigelassen. Seither wurden dort, sowie an anderen Freilassungsplätzen (Hoch-Savoyen – Frankreich, Nationalpark Engadin – Schweiz, Nationalpark Stelvio – Italien und Nationalpark Argentera-Mercantour – Italien/Frankreich) insgesamt 144 Jungvögel in die Freiheit entlassen.
Zur Freilassung werden zumindest zwei Jungvögel noch im Nestlingsalter von ca. 3 Monaten in gut geschützten Felshöhlen eingesetzt und von Betreuern, die selbst verborgen bleiben, mit Futter versorgt.
Im Alter von ungefähr 118 Tagen fliegen die Junggeier dann aus.
Seit 1997 gibt es regelmäßig erfolgreiche Freilandbruten von Bartgeiern, die im Rahmen des Projektes freigelassen wurden. Bisher schlüpften 40 Junge, von denen 33 überlebten. Der erste im Freiland 1997 geschlüpfte Jungvogel „Phénix Alp Action” hat bereits selbst ein Revier besetzt und eine Partnerin „Gilde” (ebenfalls ein 1998 im Engadin freigelassener Projektvogel) gefunden.
Es ist also nur noch eine Frage der Zeit, bis eine reproduzierende, stabile Population im Alpenraum entstanden ist. 2005 waren es bereits 10 aktive Brutpaare, sowie 1 zusätzliches Paar, das Nest baut und auch kopulierte, aber noch kein Gelege produzierte.

www.bartgeier.ch/unterwegs

Aufzucht und Auswilderung von Bartgeiern:
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